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"Man muss etwas bewegen, sonst bewegt sich nichts"

Wie an allen Waldorfschulen gibt es auch an unserer Schule ab der ersten Klasse bis in die Oberstufe hinein das Bewegungsfach Eurythmie. Dass Bewegung in unserer heutigen Zeit nottut, braucht hier wohl nicht besprochen zu werden. Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, wollte aber nun nicht nur zusätzliche Bewegung, sondern diese Bewegung sollte seelische, geistige Ausdruckskraft beinhalten. So entstand eine neue Bewegungskunst, die Eurythmie, welche nicht mit dem Tanz zu vergleichen ist, obwohl sie auch Elemente davon enthält.

Ausgangspunkt der eurythmischen Bewegung ist der „Laut-Klang“ im gesprochenen „Wort“. Es wird versucht, die in ihm liegende Gestaltungs- und Schöpferkraft in der Eurythmie sichtbar zu machen. Ganz im Sinne von: „Und Gott sprach … und so geschah es.“ (Genesis) Auch die Eröffnung des Johannes-Evangeliums deutet auf das Geheimnis der „Wort-Kraft“, den „Logos“ hin: „Im Urbeginne war das Wort … Alles ist durch das Wort geworden … in ihm war das Leben …“ Um an dieser Stelle weitergehen zu können, ist vorauszusetzen, dass der Mensch nicht nur das ist, was wir „physisch“ nennen; er ist eine Dreiheit aus Leib, Seele, Geist und lebt in einem „Kräfte-Raum“.

Eurythmie bringt nun dasjenige, was sich im Menschen seelisch durch die hörbare Sprache oder den Gesang offenbart, was in seinem Inneren seelisch lebt, als Bewegung seiner Leiblichkeit, seiner Glieder oder auch durch Bewegungen von einzelnen Menschen oder Menschengruppen zur Offenbarung im Raume, wodurch dann eine wirklich sichtbare Sprache oder Musik zustande kommt. Die angedeuteten Gebärden, welche jeder Mensch unwillkürlich macht, um seinen Gedanken eine größere Aussagekraft zu verleihen, werden in der Eurythmie zu einer völlig künstlerischen Gebärde ausgebildet. Die visionäre Kraft des Entwurfes der Waldorfpädagogik zeigt sich schon darin, wenn wir bedenken, welch großes Gewicht bereits bei ihrer Begründung auf die kindliche Bewegungsentwicklung gelegt wurde. Kaum eine Fragestellung der Erziehung erscheint unter unseren heutigen Lebensbedingungen aktueller als die nach dem Einfluss, den die kindliche Bewegungsentwicklung auf die kognitiv-denkerischen, emotionalen und die gestalterisch-willensmäßigen Fähigkeiten hat. Eurythmie kann in dreifacher Gestalt in unser gegenwärtiges Leben eintreten: erstens als Kunst, als künstlerische Eurythmie, zweitens vom pädagogisch-didaktischen Gesichtspunkt aus, gewissermaßen als eine Art beseeltes, durchgeistigtes Turnen, als pädagogisch–didaktische Eurythmie und dann als ein gewisser Zweig der Therapie, als Heileurythmie (R. Steiner GA 277).

In den Zeit- und Raumeskünsten (Musik, Eurythmie und Malen, Plastizieren) gibt es nun seit Beginn der Oberstufe und dem ersten Jahrgangsabschluss einer 12. Klasse an unserer Schule den künstlerischen Abschluss. Im Jahr 1998 war er in den Fächern Eurythmie und Musik möglich, 1999 kamen die bildenden Künste dazu. Zu dem Theaterspiel (Sprachkunst) bilden diese Fächer den zweiten Teil der künstlerischen Grundlagenarbeit an unserer Schule.

Der Abschluss in Eurythmie und Musik besteht in einem abendfüllenden Bühnenprogramm. Sein Grundanliegen ist es, die seit dem ersten Schuljahr erarbeiteten Fähigkeiten mit einem Abschluss abzurunden. Viele Schüler erleben in der Konzentration auf diesen Abschluss hin zum ersten Mal eine vertiefende Auseinandersetzung mit dieser Kunst. Auch ihre eigenen seelischen Fähigkeiten sind nun in der Reife, dieses auch mitzuvollziehen und durchtragen zu können. Die Schüler beginnen, Zusammenhänge zu begreifen und in der Ausgestaltung, z. B. der eurythmischen Bewegungen, eigene Raumformen zu gestalten und plastische Sprachprozesse oder musikalische Motive in eurythmisch-musikalischen Prozessen körperlich und bewegungsmäßig zu ergreifen.

Das ästhetisch-künstlerische Element der Eurythmie kann sich in der Oberstufe realisieren. Zeit-genössische Werke der Sprache und der Musik werden erarbeitet und in Bewegung umgesetzt.

Kunst malt Arbeit

Etwas in einen wirklich künstlerischen Ausdruck zu bringen ist harte Arbeit und bedarf einer großen und ausreichenden Übung. Die anhaltende Willenskraft bis zur Bühnen- und Ausstellungsreife aufzubringen bedeutet für manchen Schüler eine große Überwindung. Zusammenklänge vieler Stimmen lassen harmonisches Miteinander erleben. Der Mensch, das Menschliche stehen hierbei im Mittelpunkt.

Wie stehe ich da?
Wie bewege ich mich?
Wie drücke ich mich darin aus?
Wie nehme ich den anderen dabei wahr?
Was bewege ich - in der Welt?

Im Künstlerischen in eine schöpferische Flexibilität und Sensibilisierung hineinzukommen, Sozial-prozesse auszuhalten und durchzutragen, erscheint den Schülern oft nicht einsichtig. Dennoch: Kreativität will erarbeitet sein. Gerade bei einem rein künstlerischen Abschluss zeigt sich diese Fähigkeit deutlich. Wo und wie verhalte ich mich, wenn die materiellen Gesetzmäßigkeiten zum großen Teil wegfallen und ich mich auf den freien schöpferischen Gestaltungsstrom verlassen muss? Das Generalthema ist der Mensch als gestalterisches und schöpferisches Wesen. Dieses in den Künsten zu sensibilisieren, in Fantasie und innere Regsamkeit zu bringen, ist das Ziel. Expressivität muss gestaltet werden, der Lehrer reduziert seine Angaben immer mehr und der Jugendliche soll aus sich heraus entwickeln lernen, eine Körpersprache zu schaffen, die suchen soll, Neues zum Ausdruck zu bringen, Erlebnisse auf körperlicher Natur in Erscheinung zu bringen. Dazu braucht es wie im Schauspiel Mut, auch Begeisterung, aber noch mehr eine andere Zentriertheit der Seele, da nicht, wie im Schauspiel, Seele verkörpert wird, sondern der Tänzer durch seinen Körper seine Umgebung mitgestaltet, seine Seele über den Körper hinaus gestaltet. Da gibt es Bewegungen, welche umhüllen, einhüllen, stechen, lichthaft und verdunkelnd sind. Bewegungen, welche fließend, flüssig, kantig sind. Es handelt sich um Bewegungen, die Druck und Zug auf den Körper ausüben, aber als bewegliche Hülle, als lebendiges Wärmefeld, welches ständig im Werden und Vergehen ist, welches immer neu in Erscheinung tritt und seelisch gestaltet werden will. Die Bewegungen durchziehen den ganzen Körper und bilden eine wandelbare Hülle um ihn. Diese aus seelischen Kräften bestehende Hülle lebt auch in jeder menschlichen Konstitution, wird hier gestaltend, sich ständig verwandelnd sichtbar gemacht.

Durch das Üben von vielen Gedichten und Musiken im Laufe der Schulzeit entsteht hier ein per-sönlicher Zugang des Schülers zu Text und Musik. Der Schüler entwickelt ein inneres Stilgefühl und damit auch ein Urteilsvermögen, ob etwas im Kern authentisch ist. Dieses heißt es nun anzuwenden, Eurythmie als Mittel zur Selbsterziehung, das gilt heute mehr als je zuvor.

 

 

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